Praktisches Semester

Das Praktische Semester (PS) ist eine Art ethnographisches Studiensemester im Masterstudium. Das 14-wöchige Kirchgemeindepraktikum wird eng verbunden mit universitären Kursteilen. Bei einem allfälligen Lernvikariat ist der erfolgreiche Besuch des PS vorausgesetzt. Das PS unterstützt Studierende in der Verschränkung von Theorie und Praxis. 

Theorie und Praxis sind bekanntlich nicht leicht zusammenzubringen. Das ist gut so, denn sonst würde die Theorie bloss die Praxis beschreiben. Zwischen Theorie und Praxis muss eine Spannung bestehen, denn nur so entsteht eine produktive Reibung und damit Bewegung. Allerdings lässt sich die Theorie nie 1:1 in die Praxis übersetzen, weil die Praxis an einem anderen Ort steht. Bestimmte Themen und Fragen erfahren dort eine höhere Relevanz, als sie dies in der Theorie zu scheinen haben. Das frustriert manchmal, lässt am theoretischen Wissen zweifeln oder überhaupt den Nutzen von Theorie infrage stellen. Doch wenn es gelingt, die in der Praxis entstandenen Fragen zu reflektieren und in einen grösseren Verstehensrahmen zu setzen, dann verschränken sich Theorie und Praxis. Es kommt zu einem Wechselspiel. Dieses Wechselspiel bereichert dann sowohl die Theorie als auch die Praxis. Die Theorie wird lebensnaher und damit relevanter, die Praxis wird zu mehr als einem blossen Machen.

Gerade der Pfarrberuf ist ein ausgezeichneter Ort für ein solches Wechselspiel von Theorie und Praxis, und das Praktische Semester der Universität Bern gibt diesem Ort Raum. Theorie und Praxis verschränken sich hier, weil vielfältige Erfahrungen durch Begleitung, Veranstaltungen und Portfolio-Arbeit reflektiert werden. Zugleich ermöglicht das Praktische Semester eine Standortbestimmung. Es gibt Einblick in den Pfarrberuf und darüber hinaus in die Arbeitswelt, zumal sich ja Theologie nie allein auf die Institution Kirche beschränkt. Dieser Einblick ist nicht nur für Studierende aufschlussreich, die fest mit dem Gedanken spielen, den Pfarrberuf zu ergreifen. Auch Studierenden, die gegenüber dem Pfarrberuf viele Fragezeichen haben, bietet das Praktische Semester einen Ort, sich einen vertieften Einblick zu verschaffen, um so neue Anregungen auch für die Theologie zu gewinnen.

Das Praktische Semester ist ein ordentliches Studiensemester im Rahmen des Masterstudiums und findet in der Regel im 1. Semester statt. Es ist obligatorischer Studienteil für die, die später zum Lernvikariat zugelassen werden möchten. Das Praktische Semester dauert 24 Wochen und wird jährlich zwischen Juni und Januar durchgeführt. 

Den Auftakt im Juni macht ein Modul, das der Einübung einer Aussenperspektive auf Kirche dient. Es setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Eine «biographischen Reflexion» beleuchtet die eigene religiöse Sozialisation. In den «Diakonietagen» werden kirchliche Projekte mit besonderem Augenmerk auf das Thema «Arbeit» und der gesellschaftlichen Relevanz von Kirche in diesem Themenfeld besucht.

Anschliessend findet parallel zum Herbstsemester ein Kirchgemeindepraktikum statt. An zwei Tagen pro Woche nehmen dabei die Studierenden an Lehrveranstaltungen teil, die das Praktikum vorbereiten, begleiten und reflektieren. Die zweite Wochenhälfte verbringen die Studierenden in einer Kirchgemeinde, wo sie unter Anleitung einer Ausbildungspfarrerin/eines Ausbildungspfarrers Einblick in die Praxis erhalten und in ausgewählten Praxisfeldern auch erste Erfahrungen machen.